Georg Frank, langjähriger Leiter des österreichischen Naturwaldreservate-Programms am Bundesforschungszentrum für Wald
Wo der Wald wieder wild werden darf
Schon beim ersten Schritt hinein verändert sich die Stimmung. Die Luft wird kühler, feuchter. Der Boden federt weich unter den Schuhen. Zwischen moosigen Steinen liegen umgestürzte Baumriesen, aus morschem Holz wachsen junge Triebe. Der Wald wirkt nicht aufgeräumt, sondern lebendig. Fast urtümlich.
Biodiversität erleben im Naturwaldreservat Koflachgraben
Gemeinsam mit Georg Frank, dem langjährigen Leiter des österreichischen Naturwaldreservate-Programms am Bundesforschungszentrum für Wald, und Vertretern der Forstdirektion Foscari führt die Wanderung durch eines der bedeutendsten Naturwaldreservate Österreichs. Der Koflachgraben ist weit mehr als ein geschützter Wald: Er ist ein wichtiger Beitrag zum Erhalt, zur Forschung und zur Bildung rund um Biodiversität – und gleichzeitig ein Vorzeigeprojekt für den Vertragsnaturschutz in Österreich.
Bereits 1999 wurde das rund 128 Hektar große Gebiet im Besitz der Familie Foscari als eines der ersten Naturwaldreservate des Landes eingerichtet. Dass ein privater Forstbetrieb schon damals bereit war, eine derart große Fläche freiwillig aus der Nutzung zu nehmen, war ein außergewöhnlich vorausschauender Schritt. „Der Betrieb hat schon damals sehr visionär gedacht – seiner Zeit voraus“, sagt Georg Frank.
Ein Ensemble aus verschiedenen Waldgesellschaften
Was den Koflachgraben so besonders macht, ist seine außergewöhnliche Vielfalt. Auf engem Raum treffen völlig unterschiedliche Lebensräume aufeinander. Sonnige Südhänge wechseln mit kühlen Schattseiten. Kalkgestein geht in Dolomit über. Mediterrane Klimaeinflüsse vermischen sich mit alpiner Feuchtigkeit. „Hier lebt ein Ensemble aus verschiedenen Waldgesellschaften“, erklärt Frank. Genau diese Vielfalt macht das Gebiet wissenschaftlich so wertvoll.
Während auf den warmen Hanglagen trockenheitsliebende Arten wachsen, dominieren auf den feuchten Nordhängen illyrische Buchenwälder – seltene Waldtypen, die nur in bestimmten Regionen der südlichen Alpen vorkommen. Charakteristische Pflanzen wie das Dreiblättrige Windröschen oder der Wald-Alpenlattich verraten den Fachleuten sofort, auf welchem Standort sie sich befinden.
Denn eine Waldgesellschaft besteht nicht nur aus den Bäumen. Sie umfasst das gesamte Zusammenspiel von Pflanzen, Böden, Klima und Mikroorganismen. Genau dieses komplexe Gefüge macht Naturwälder so faszinierend – und gleichzeitig so empfindlich.
Die Idee hinter den Naturwaldreservaten
Naturwaldreservate funktionieren anders als klassische Schutzgebiete. Sie beruhen nicht auf Verboten oder Enteignungen, sondern auf freiwilliger Zusammenarbeit zwischen Staat und Waldeigentümern.
Der Eigentümer verzichtet für einen definierten Zeitraum auf die forstliche Nutzung seiner Fläche. Im Gegenzug erhält er eine Entschädigung für die entgangenen Erträge. Der Wald darf sich anschließend ohne menschliche Eingriffe entwickeln. „Wir wollen nicht konservieren, sondern Dynamik zulassen“, sagt Frank. „Wir wissen nicht genau, wohin sich der Wald entwickelt – aber wir lassen zu, was passiert.“
Windwurf bleibt liegen. Abgestorbene Bäume werden nicht entfernt. Totholz sammelt sich an und wird zum Lebensraum für Pilze, Käfer, Moose und seltene Vogelarten. Langsam entstehen Strukturen, wie sie in Mitteleuropa kaum noch vorkommen.
Der lange Weg zurück zur Natürlichkeit
„Das hier ist kein Urwald“, sagt Frank offen. „Aber das Ziel eines Naturwaldreservates ist es, dass sich der Wald über lange Zeit wieder in Richtung Urwald entwickelt.“
Vollständig ursprünglich werden diese Wälder nie mehr sein. Dafür wurden sie in früheren Jahrhunderten zu stark genutzt. Dennoch beginnt mit jedem Jahrzehnt ohne Eingriffe eine neue Dynamik: alte Bäume altern natürlich, Jungwuchs entsteht von selbst, seltene Arten kehren zurück. Besonders sichtbar wird das im Koflachgraben bei der Tanne. Früher stark zurückgedrängt, erscheint sie heute langsam wieder in der natürlichen Verjüngung des Waldes.
Ein Modell mit Zukunft
„Der Koflachgraben ist ein Vorzeigeprojekt für den Vertragsnaturschutz in Österreich“, betont Georg Frank. Entscheidend sei dabei immer das gemeinsame Verständnis zwischen öffentlicher Hand und Waldeigentümern gewesen. Naturschutz funktioniere langfristig dort besonders gut, wo Vertrauen, Freiwilligkeit und gemeinsames Denken die Grundlage bilden.
Gerade der Koflachgraben zeigt eindrucksvoll, wie ein verantwortungsvoll geführter Forstbetrieb und langfristige Naturwaldentwicklung einander ergänzen können – wenn man bereit ist, Natur über Generationen hinweg Zeit und Raum zu geben.
Fotocredit: © Plimon
Wissenswert:
Das Naturwaldreservat Koflachgraben liegt in Kärnten in den Gailtaler Alpen nahe Feistritz an der Drau. Das rund 128 Hektar große Gebiet wurde 1999 als eines der ersten Naturwaldreservate Österreichs eingerichtet. Eigentümer ist die Familie Foscari bzw. die Forstdirektion Foscari (Uniforst)
Bereits vor Jahrzehnten setzte das österreichische Naturwaldreservate-Programm Maßstäbe für Biodiversität, natürliche Waldentwicklung und freiwilligen Vertragsnaturschutz – Themen, die heute auch in europäischen Biodiversitätsstrategien eine zentrale Rolle spielen. Aktuell gibt es in Österreich 200 Naturwaldreservate mit einer Gesamtfläche von rund 9.150 Hektar.